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Forschung an der KiHo: Neue Erkenntnisse für die biblische Quellenforschung

Obwohl alttestamentliche Zitate im Neuen Testament eine wichtige Rolle spielen, wurden sie in der biblischen Quellenforschung kaum berücksichtigt. Zu Unrecht, wie ein Forscherteam der Kirchlichen Hochschule Wuppertal am Beispiel der Evangelien nun zeigen konnte.

Die vier Evangelien sind ein Pfeiler des Neues Testaments. Etwa 40 Jahre nach seinem Tod begannen die Evangelisten Matthäus, Lukas, Markus und Johannes nach und nach damit, das Leben und Wirken des Jesus von Nazareth in griechischer Sprache zu dokumentieren. Um die Verbindung mit den heiligen Schriften Israels aufzuzeigen, zitierten sie vielfach aus dem Alten Testament, das ursprünglich in hebräischer Sprache verfasst und zu diesem Zeitpunkt bereits ins Griechische übersetzt worden war. Die „Septuaginta“, die älteste durchgehende Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel in die altgriechische Alltagssprache, wurde etwa 100 Jahre v. Chr. abgeschlossen. „Die Zitate in den Evangelien gehören zu den ältesten Belegen für die Septuaginta“, sagt Prof. em. Dr. Siegried Kreuzer. „Denn außer wenigen fragmentarischen Papyri sind alle Handschriften der Septuaginta jünger als das Neue Testament.“

Die Erforschung der Septuaginta ist bis heute nicht abgeschlossen

Die Erforschung der Septuaginta ist bis heute nicht abgeschlossen, da sich immer wieder Handschriften finden, die es noch auszuwerten gilt. Seit 2018 leitete Kreuzer daher an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Forschungsprojekt zu den alttestamentlichen Zitaten in den Evangelien. Zudem wurden ausgewählte Stellen aus dem Hebräerbrief und den Paulusbriefen untersucht. Dabei gingen Kreuzer und Dr. Marcus Sigismund vom Institut für Septuaginta- und biblische Textforschung (ISBTF) vor allem der Frage nach, wie wertvoll die alttestamentlichen Zitate im Neuen Testament für die biblische Quellenforschung sind. „Die Septuaginta-Forschung des ganzen 20 Jahrhunderts war beherrscht von der Idee, dass Handschriften, die mit den Zitaten im Neuen Testament übereinstimmen, sekundär sind“, erklärt der Wissenschaftler. „Damit wurden nicht nur wichtige Textzeugen vernachlässigt. Vielmehr wurden auch scheinbare Differenzen zur Septuaginta den Evangelisten zugeschrieben, die den Text an ihre Absichten angepasst hätten.“ 

Die Evangelisten haben den griechischen Wortlaut nicht ihren Wünschen angepasst

Diese Annahme konnten die Forscher des ISBTF nun widerlegen. Durch die Auswertung der biblischen Handschriften aus Qumran (am Toten Meer), die aus der Zeit vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. datieren, und durch einen neuen methodischen Ansatz konnten sie zeigen, dass die alttestamentlichen Zitate fast durchweg genau einer zu Lebzeiten der Evangelisten bekannten Textform entsprachen. „Damit wird einerseits deutlich, dass die Evangelisten und auch die Verfasser der Briefe den griechischen Wortlaut nicht ihren Wünschen angepasst, sondern die heiligen Schriften praktisch unverändert zitiert haben“, erklärt Kreuzer. „Andererseits sind damit die neutestamentlichen Zitate wichtige Belegstellen für die damals gebräuchlichen Textformen der Septuaginta.“

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes zu den vier Evangelien, die in zwei Büchern veröffentlicht werden, geben der biblischen Quellenforschung neue Erkenntnisse. Kreuzer zufolge legen sie zudem weiteren Forschungsbedarf nahe. „Denn auch für die weiteren Teile des Neuen Testaments sollten die alttestamentlichen Zitate in ähnlicher Weise neu untersucht und bewertet werden.“

Ausschnitt aus dem Anfang des Markusevangeliums: Das griechische Zitat aus Jesaja 40 in den Versen 2 und 3 ist eingerückt und fett gedruckt.

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