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Otrun Bertelsmann: verheiratet, 49 Jahre, Ausbildung als Landschaftsgärtnerin, Studium der Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung an der TU München in Weihenstephan (Dipl.-Ing.), derzeit tätig als Sachbearbeiterin für Umwelt und Bauen in der unteren Naturschutzbehörde einer Kreisverwaltung in Brandenburg (Foto: privat)

Warum haben Sie sich für ein Theologiestudium entschieden?

Die ehrenamtliche Mitarbeit in der jeweiligen Kirchengemeinde meines Wohnortes ist mir seit Jugend an selbstverständlich. Eines meiner Talente liegt im freien Erzählen, was ich gerne in die Gestaltung von Gottesdiensten einfließen lasse. Seit sechs Jahren bin ich Vorsitzende des Presbyteriums (der EKBO Gemeindekirchenrat) meiner Gemeinde im Berliner Osten. Mein Wunsch ist nun, das bereits sehr zeitaufwendige und mit viel Herzblut betriebene Ehrenamt zum Hauptberuf zu machen und so eine Konzentration meiner Energie auf einen Bereich zu bewirken. Dazu habe ich große Lust zu lernen und das im Laufe der Jahre erworbene „gesunde Halbwissen“ fachlich zu festigen.

Warum haben Sie sich für ein Theologiestudium an der KiHo entschieden?

Weil ich persönlich auf den neuen Studiengang aufmerksam gemacht wurde. Eine Alternative wäre Greifswald gewesen, aber hier wird der Spracherwerb als Zugangsvoraussetzung festgesetzt. Das habe ich mir allein nicht zugetraut. Die Nähe zu meiner Familie im Raum Bielefeld/Gütersloh kam dazu und auch der Schwerpunkt der feministischen Theologie.

Welche Herausforderungen persönlicher, beruflicher und familiärer Natur haben Sie mit dem Beginn des Studiums meistern müssen?

Ich arbeite 30 Stunden pro Woche mit hohem fachlichen und naturwissenschaftlichen Anspruch und Termindruck. Ich leite eine Gemeinde und ich leite eine Familie. Nun ist ein Studium dazugekommen, das zumindest im Propädeutikum mit bis zu vier Stunden täglich zu Buche schlug. Meine Tage hätten daher gerne mehr als 24 Stunden haben können. Das System funktioniert, wenn alle Rädchen gut geschmiert laufen. Wenn aber ein Teil mehr Aufmerksamkeit benötigt, leiden sofort die anderen Bereiche darunter. Das war besonders zu merken, als ich durch die erste Sprachprüfung gefallen bin und mit dieser Niederlage emotional eine ganze Weile zu kämpfen hatte.

Persönlich liegt die Belastung sehr hoch, auch dadurch, dass es keine echten Auszeiten gibt. Da ein Großteil des Jahresurlaubs in die Präsenzzeiten fließt, bleiben nur wenige Tage übrig, um wirklich abzuschalten. Und von diesen Tagen sind noch weniger wirklich frei, da es dann meist gilt, Literatur zu lesen, Texte fertig zu stellen und Vokabeln zu lernen.

Auch die finanzielle Belastung ist nicht zu vergessen: Durch die notwendige Verkürzung der Arbeitszeit kommt es zu Gehaltseinbußen. Außerdem schlagen neben den Studiengebühren die Reisekosten und die Übernachtungen in Wuppertal zu Buche.

Welche persönliche Perspektive verbinden Sie mit dem Abschluss des Studiums?

Mein Plan ist es, Pfarrerin zu werden, auch wenn das noch weit weg am Horizont zu sein scheint. Gerade steht die Freude am Studium im Vordergrund.

Was fällt Ihnen leicht?

Ich lese gerne und kann das Gelesene gut aufnehmen und behalten. Auch die Inhalte, die durch die Vorlesungen vermittelt werden, kann ich gut behalten.

Was fällt Ihnen eher nicht so leicht?

Hebräisch lernen. Realistisch den Zeitbedarf für eine Aufgabe abschätzen. Lesezeit als Studienzeit einplanen. Von einem Lebensbereich auf den anderen umschalten und das manchmal innerhalb weniger Minuten. Anfangen, auch wenn 1.000 andere Dinge noch nicht erledigt sind.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Was zeichnet das Studium an der KiHo in positiver Hinsicht aus?

Ich fühle mich an der KiHo wohl. Die Dozent*innen, die ich bisher kennenlernen durfte, waren alle von überwältigender Herzlichkeit, strahlen unglaubliche Begeisterung für ihre Inhalte aus und geben uns das Gefühl willkommen zu sein. Ich persönlich genieße trotz der nicht unerheblichen Kosten den Luxus des Tagungshauses auf dem „Heiligen Berg“, de Rundumservice , die kurzen Wege und das Gefühl, mich einfach zum Essen hinsetzen zu dürfen.

Wir werden als Kurs durch die Studienkoordinatorin Frau Kuropka hervorragend umsorgt, begleitet und betreut. Der Kurs selbst ist ein großer Schatz! Der Zusammenhalt und die gegenseitige Hilfsbereitschaft ist beeindruckend und die vielen unterschiedlichen Sichtweisen auf das Leben, die persönliche Frömmigkeit und die Theologie machen den großen Reiz des gemeinsamen Lernens aus.

Der Kontakt zu den „grundständig“ Studierenden wird sicher noch mehr, wenn ich in den Aufbaumodulen mit ihnen zusammen Kurse belege. Aber die Kontakte, die ich schon erleben durfte, waren offen, herzlich und positiv neugierig.

Welche Aspekte sind verbesserungswürdig?

Das Zeitbudget wird wohl immer das schwierigste bleiben. Darin sind in meinen Augen bisher unzureichend die Reisezeiten berücksichtigt. Insbesondere die Notwendigkeit, zur Hebraicumsprüfung zweimal anzureisen und jeweils eine Übernachtung einplanen zu müssen, ist ein großer zeitlicher und finanzieller Aufwand. Zudem stellt sich mir die Frage nach der sozialen Selektion in diesem Studium. In der Regel kommt es zu einer Reduzierung der Erwerbsarbeit bei gleichzeitiger Erhöhung der Ausgaben durch Studiengebühren, Fahrtkosten, Büchergeld und Übernachtungskosten. Diese Schere lässt sich nur aus einer gewissen sozialen Sicherheit heraus ausgleichen. Diese Fähigkeit ist eine Voraussetzung für das Studium. Unsere Lebensgeschichten sind aber so vielfältig, wie wir Menschen im Kurs sind – und damit auch die wirtschaftliche Lage jeder und jedes einzelnen.

Welches Erlebnis hat Sie besonders beeindruckt? Erzählen Sie es kurz.

Ungefähr in der Mitte einer Studienwoche, am Ende eines langen Tages zu den Themen „Exegese NT: das Johannesevangelium“ und „Exegese AT: Das Pessachfest im Deuteronomium“ ist der gesamte Kurs um 18.00 Uhr sitzen geblieben und hat weiter diskutiert. Alle waren so erfüllt und auch aufgewühlt von dem, was im Laufe des Tages gesprochen und gelernt wurde, dass das einhellige Bedürfnis herrschte, weiter zu reden und die Gedanken miteinander zu sortieren. Und die Dozentin blieb auch da, stand eine weitere halbe Stunde Rede und Antwort. Das war beeindruckend. Und es ist schön, ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein.

Daneben beeindruckt mich die uneingeschränkte Hilfsbereitschaft aller untereinander. Niemand hält eigene Leistungen zurück, um irgendwie zu punkten oder herauszustechen. Konkurrenzdenken hatten wir vermutlich alle schon genug in unserem Berufsleben. Im Studium ist davon kein Funken zu spüren. Das ist sehr angenehm, belebend und befruchtend.

(Die Antworten datieren aus dem März 2022)

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