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Forschung an der KiHo: Die Geschichte zeigt – Vielfalt stärkt Kirche

Der gesellschaftliche Fortschritt stellte die christlichen Kirchen schon immer vor harte Zerreißproben. Was heißt es aber, in einer sich rasant wandelnden Welt evangelischer, katholischer oder freikirchlicher Christ bzw. Christin zu sein? Und welche Faktoren führen dazu, dass es trotz scharfer Kritik an der konfessionellen Identität einer Kirche nicht zu einer Spaltung kommt? Dieser Frage ging Christian Koch am Beispiel der Oxford-Bewegung nach, die Anfang des 19. Jahrhunderts das Selbstverständnis der Anglikanische Kirche aufmischte.

Mit rund 80 Millionen Mitgliedern gilt die anglikanische Kirchenfamilie neben der katholischen und der protestantischen Kirche weltweit als wichtige Kraft unter den christlichen Kirchen. Ursprünglich aus England stammend lebt die Mehrheit der anglikanischen Gemeinschaft heute im globalen Süden. In der jüngeren Vergangenheit machte die anglikanische Tradition etwa durch die „Fresh Expressions of Church“-Bewegung auf sich aufmerksam. Im Zuge dieser Bewegung entstanden in England seit den 1990er-Jahren mehrere Tausend kleine christliche Gemeinschaften, die in Fitnesscentern, Pubs, Waschsalons und Fahrradwerkstätten versuchen, die Kirche zurück zu den Menschen zu bringen – egal, ob sie evangelisch oder katholisch sind oder gar keiner Konfession angehören. Viele Christen sehen in dieser Bewegung ein Vorbild dafür, wie ihre Kirchen dem Mitgliederschwund in der westlichen Welt begegnen können.

Woraus zieht die anglikanische Tradition die Kraft zur Erneuerung?

Doch woraus zieht die anglikanische Tradition die Kraft, sich radikal neu zu erfinden, ohne sich dabei selbst zu zerlegen? Dieser Frage ging Christian Koch, Assistent für Kirchengeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, in seiner Promotion mit dem Titel „Die Oxford-Bewegung auf der Suche nach der Kirche der Väter. Eine Analyse der historiographischen Konstruktion konfessioneller Identität am Beispiel des Traktarianismus“ nach.

„Die Oxford-Bewegung stellte in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts die Identität der anglikanischen Kirche fundamental in Frage und suchte in der Geschichte der Kirche von England nach Vorbildern, wie die Einheit und das Wesen dieser Kirche in einer sich rasant wandelnden Zeit neu beschrieben werden könnte“, sagt Koch. „Damit begründete sie eine Debattenkultur, die der Kirche langfristig wichtige Impulse für ihre konfessionelle Modernisierung gab.“

Die Traktarianer scheiterten – und gestanden das ein

Die Gründung der Anglikanische Kirche vollzog sich im Kontext der Reformation in England, als sich Heinrich VIII. angesichts der Weigerung von Papst Clemens VII., die Scheidung des Königs von Katharina von Aragon anzuerkennen, 1534 kurzerhand selbst zum Oberhaupt der Kirche in seinem Reich erklären ließ. In England entstand in der Folge eine einzigartige kirchliche Tradition, die sich einerseits als Produkt der Reformation verstehen lässt, zugleich aber viele liturgische und organisatorische Traditionen der katholischen Kirche des Mittelalters beibehielt.

300 Jahre nach der Gründung der anglikanischen Tradition starteten die Protagonisten der Oxford-Bewegung, die „Traktarianer“, den Versuch, durch intensive historische Forschung ein neues, einseitig katholisches Narrativ für die Anglikanische Kirche zu entwickeln. Die Traktarianer betonten kämpferisch die Kontinuität der anglikanischen Kirche zu den kirchlichen Traditionen von Antike und Mittelalter und spielten den Einfluss der Reformation auf ihre Kirche herunter. „Dieser Versuch aber scheiterte, weil sich das erhoffte Narrativ aus den historischen Fakten einfach nicht überzeugend ableiten ließ, was die Traktarianer schließlich auch selbst eingestanden“, erklärt Koch.

Am Ende gab es keine klaren Gewinner oder Verlierer – ein Glücksfall

Tatsächlich traten einige von ihnen schließlich zur römischen Kirche über. Der Rest aber integrierte sich als „High-Church“-Richtung in die Anglikanische Kirche, die sich als eine kirchliche Strömung neben anderen etablierte. Dieses Ergebnis wertet Koch letztlich als Glücksfall für die Anglikanische Kirche. Es habe am Ende keine klaren Gewinner oder Verlierer in der Debatte gegeben. Vielmehr habe das Denken der Traktarianer dazu geführt, dass die Kirche insgesamt vielfältiger geworden sei. „Und diese gelebte Vielfalt ist bis heute eine der Stärken der Anglikanischen Kirche“, sagt Koch.

Für seine Promotion wählte Koch einen interdisziplinären Ansatz. Er untersuchte die Aktivitäten der Oxford-Bewegung nicht nur aus der Perspektive des Historikers, sondern auch mit Hilfe systemisch-soziologischer sowie konfessionskundlicher Methoden. Die gute Quellenlage in der Universitätsstadt Oxford kam ihm ebenfalls zu gute. Dort wurde seit je her viel diskutiert und publiziert.

Das Wirken der Oxford-Bewegung zeigt deutliche Parallelen zur heutigen Zeit

Doch was motivierte die Traktarianer eigentlich dazu, die Identität der eigenen Kirche so massiv in Frage zu stellen? Tatsächlich erlebte die britische Gesellschaft zu Anfang des 19. Jahrhunderts einen radikalen Wandel. Der britische Kolonialismus führte Menschen aus aller Welt auf die Insel, die fremde Ideen und Glaubensüberzeugungen mitbrachten. Die Kirchtürme der Anglikanischen Kirche waren plötzlich nicht mehr die einzigen Bauwerke, die die Skyline der Städte prägten. Zudem sah sich die Kirche von England theologisch mit dem aufblühenden Kapitalismus konfrontiert. Der trieb nicht nur die industrielle Revolution voran, sondern auch immer mehr Menschen und damit Ausbeutung und Armut in die Metropolen, worin viele eine Missachtung christlicher Glaubenssätze erkannten. „Mit ihrer Kritik brachten die Traktarianer nicht nur die Entfremdung gegenüber der eigenen Kirche zum Ausdruck“, sagt Koch. Durch die Romantisierung der Vergangenheit versuchten sie auch, der brutalen Dynamik der Moderne entgegenzuwirken.“

Der Wissenschaftler sieht im Wirken der Oxford-Bewegung deutliche Parallelen zur heutigen Zeit, die von Globalisierung und Digitalisierung, Pandemien und Kriegen geprägt wird. Die Frage, welche Rolle sie in dieser Welt spielen wollten, stelle die christlichen Kirchen daher wieder einmal vor große Herausforderungen. Anders bei politischen Organisationen würden die Debatten zur eigenen Identitätsfindung bei Kirchen noch durch einen Sonderfaktor erschwert. „Auch Gewerkschaften oder Parteien fragen nach ihrer eigenen Herkunft und dem Werden ihrer Identität – dabei geht es aber letztlich um die Bewertung von menschlichem Handeln“, erklärt Koch. „Bei den Kirchen hingegen steht bei der Frage nach der Bewertung von Vergangenheit immer auch die Frage nach dem Wirken Gottes und seiner Autorität mit im Raum.“

Christian Koch, Kirchengeschichtler an der KiHo: „Auch Gewerkschaften oder Parteien fragen nach ihrer eigenen Herkunft und dem Werden ihrer Identität – dabei geht es aber letztlich um die Bewertung von menschlichem Handeln. Bei den Kirchen hingegen steht bei der Frage nach der Bewertung von Vergangenheit immer auch die Frage nach dem Wirken Gottes und seiner Autorität mit im Raum.“

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